Motor Wirtschaft: Krieg, Folgen, Aufbruch

Nach dem Kriegsende vor 75 Jahren war Österreich mit tiefgehenden Folgen konfrontiert: Die Infrastruktur des Landes war schwer beschädigt, die Menschen, die überlebten, sahen sich in der Mehrzahl dem Hunger und Elend ausgesetzt. Mit eigener und vor allem auch mit der Hilfe aus dem Ausland gelang es nach und nach das Land, die Institutionen und Unternehmen wiederaufzubauen. Heute zählt Österreich zu den reichsten Ländern der Welt. ÖBB CEO Andreas Matthä, IV-Generalsekretär Christoph Neumayer, Zeithistoriker Oliver Rathkolb und Anwältin Alix Frank-Thomasser diskutierten über die Aufarbeitung der Geschichte in Unternehmen und Institutionen.

Podiumsdiskussion

„Geschichtsaufarbeitung von großen Unternehmen ist ein Motor für die Aufarbeitung in anderen wichtigen gesellschaftlichen Bereichen. Demokratie und Menschenrechte sind brisante Themen der Gegenwart. Gemeinsam leisten wir einen zentralen Beitrag für mehr Bewusstsein dieser Errungenschaften“, so hdgö-Direktorin Monika Sommer. „Deshalb ist es wichtig, die Rolle von Unternehmen zu beleuchten und die Auswirkungen der historischen Verantwortung für die Zukunft zu diskutieren. Dafür ist das hdgö eine optimale Plattform.“

Gruppenfoto

Haben die Industrie/Unternehmen und Institutionen ihre gesellschaftliche Verantwortung ausreichend wahrgenommen? Was sind – 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs – noch immer offene Themen oder wunde Punkte? Für den Historiker Oliver Rathkolb gäbe es weiterhin großen Aufholbedarf bei der Aufarbeitung der NS-Zeit in österreichischen Unternehmen insbesondere bei österreichischen Firmen in besetzten Gebieten. Christoph Neumayer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV), verwies auf die 90 Prozent der Top 50 Unternehmen in Österreich, die ihre Hausaufgaben schon gemacht hätten, auch wenn die geschichtliche Aufarbeitung in Österreich generell erst spät begonnen hat. Darüber hinaus beleuchtete Neumayer die Rolle der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter bei der Bahn, in der Land- und Forstwirtschaft. „Sie haben den Grundstein für den Aufbau Österreichs gelegt. Ohne sie wäre der "Restart" nicht möglich gewesen“, sagte er bei der Diskussion. Der Wohlstand Österreichs beruhe aber auch auf internationaler Zusammenarbeit und Toleranz. Antisemitismus und Rassismus könne sich Österreich daher nicht leisten.

Für eine lebendige, funktionierende, liberale Demokratie ist eine Auseinandersetzung mit diesen Themen grundlegend, war sich das Podium einig. Es sei schockierend, wie wenig Schüler über den Nationalsozialismus wüssten, meinte Rathkolb. Um das zu ändern, muss am Bildungssystem geschraubt werden. Dass es in Österreich kein Pflichtfach für politische Bildung gebe, sei ein Skandal. Zudem fokussiere man sich zu sehr auf elitäre Ausbildung. "Wir müssen mehr ins Zentrum der Gesellschaft hinein", meinte Rathkolb. Es brauche neue Formen der Vermittlung, bei den ÖBB zum Beispiel konnten Jugendliche bei der Aufarbeitung der NS-Zeit mithelfen.

ÖBB-Ausstellung "Verdrängte Jahre" zu Gast im hdgö

Die ÖBB begannen im Jahr 2012 mit der Aufarbeitung ihrer Geschichte in den Jahren 1938 – 1945. Das Unternehmen beschritt einen pionierhaften Weg: Denn beteiligt daran waren nicht nur HistorikerInnen, auch MitarbeiterInnen und Lehrlinge aus dem eigenen Unternehmen wirkten mit. Eine Übersicht wird auf Schautafeln noch bis 1. Oktober 2020 im hdgö präsentiert. Ein fokussierter Überblick führt durch die Geschichte der ÖBB in den Jahren des Zweiten Weltkriegs und unterstreicht die Bedeutung der Bahn im Wiederaufbau nach 1945.

CEO Andreas Matthä: „Geschichte endet nicht einfach. Sie wird jeden Tag fortgeschrieben. So wie wir auf viele positive Aspekte unserer Geschichte auch zu Recht stolz sein dürfen, müssen wir uns folgerichtig auch den dunklen Kapiteln stellen. Wir sind dazu verpflichtet auch weiterhin einen Beitrag zur Vermittlung unserer Historie zu leisten, um daraus die richtigen Lehren für die Zukunft zu ziehen. Deshalb unterstützen wir auch die breitenwirksame Geschichtsvermittlung an unsere Lehrlinge. Zum einen befindet sich die Ausstellung 'Verdrängte Jahre - Bahn und Nationalsozialismus in Österreich 1938 – 1945' dauerhaft in der Lehrwerkstätte in St. Pölten und zum anderen finden, als integraler Bestandteil der Lehrlingsausbildung, auch begleitete Fahrten in das ehemalige Konzentrationslager nach Auschwitz statt. So sensibilisieren wir die nächste Generation, halten die Erinnerung wach, lernen wir aus der Geschichte“.