Hinweis: Ohne die Thematisierung der Zeit zwischen 1938 und 1945, in der die Bahn ein zentrales Herrschaftsmittel des Nationalsozialismus war, bleibt die Bahngeschichte bruchstückhaft und unzureichend. In der Publikation Verdrängte Jahre gehen wir im Detail auf alle Geschehnisse des II. Weltkrieges in Verbindung mit den ÖBB ein.
Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht, der SS und der Polizeieinheiten in Österreich am 12. März 1938 ging alles Schlag auf Schlag: Einen Tag später erfolgte der widerstandslose Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, fünf Tage später waren die ÖBB ein Teil der Deutschen Reichsbahn (DRB). In Zahlen gesprochen bedeutete das, dass 5.922 Kilometer Betriebslänge, 56.900 Bedienstete, 2.111 Lokomotiven, 115 Triebwagen und 38.990 Personen- und Güterwagen an die DRB gingen – von einem Tag auf den anderen.
Auflösung der ÖBB, Uniformen mit Reichsadler.
Die Eingliederung der ÖBB hatte brutale Konsequenzen für die Organisation und das Personal. Die DRB löste die Generaldirektion der ÖBB auf, wandelte die Bundesbahndirektionen Wien, Linz und Villach in Reichsbahndirektionen um, ließ die Direktion Innsbruck auf und teilte deren Bahnstrecken den bestehenden Reichsbahndirektionen München und Augsburg zu. Im Deutschen Reich galten auch andere Verkehrsregeln. Diese wurden am 6. Oktober 1940 in den „Vorläufigen Fahrdienstvorschriften für die Strecken der Ostmark“ festgesetzt („Ostmark“ war die Bezeichnung des ehemaligen österreichischen Gebiets während der NS-Zeit). Am sichtbarsten war die Eingliederung an den Uniformen der Mitarbeiter:innen: Auf ihnen prangte unübersehbar der Reichsadler.
Konsequente Nazifizierung des Personals.
Am schlimmsten waren aber die personellen Maßnahmen: Hunderte Bedienstete wurden aus rassischen, politischen oder anderen Gründen entlassen, manche noch, mit Kürzungen, in den Ruhestand versetzt. Gleichzeitig gab es bis Ende 1938 9.000 Neueinstellungen von sogenannten „Alten Kämpfern“, die der NSDAP bereits vor 1933, also noch während der NS-Verbotszeit, beigetreten waren. Das Personal der Ex-ÖBB bestand nun aus diesen „Alten Kämpfern“, fachlich meist ungeeigneten, politischen Funktionären der SS, der SA oder anderer Parteiorganisationen wie dem NSKK (Nationalsozialistischer Kraftfahrkorps) und aus regimetreuen Pensionisten, die reaktiviert wurden. Die Bediensteten mussten einen Eid auf Hitler leisten und im „Fragebogen über die Abstammung“ beweisen, dass sie arischen und keinesfalls jüdischen Blutes waren. Dem nicht genug, mussten sie auch noch um Erlaubnis bitten, wenn sie heiraten wollten. Der zukünftige Ehegatte bzw. die zukünftige Ehegattin musste arischer Abstammung sein; andere Ehen genehmigte der Dienstvorstand nicht.
Die Bahn war eine der wichtigsten Stützen des Nazi-Regimes. Durch vermehrte Transporte im Reisezugs- und Güterverkehr war es nötig, die Reichsbahn auszubauen. Erst dadurch war Hitler 1939 in der Lage, Polen anzugreifen. Und somit den Zweiten Weltkrieg auszulösen.