Hinweis: Ohne die Thematisierung der Zeit zwischen 1938 und 1945, in der die Bahn ein zentrales Herrschaftsmittel des Nationalsozialismus war, bleibt die Bahngeschichte bruchstückhaft und unzureichend. In der Publikation Verdrängte Jahre gehen wir im Detail auf alle Geschehnisse des II. Weltkrieges in Verbindung mit den ÖBB ein.
Zugfahren war schon vor dem Krieg wenig vergnüglich: Die Waggons ruckelten über die schlechten Schienen, in der dritten Klasse saß man auf Holzbänken und atmete den Geruch der Dampflokomotiven sowie oftmals Rußpartikel ein, die durch die undichten Fenster ins Wageninnere drangen. Die Züge waren langsam, die Fahrten dauerten lange, auch wegen längerer Aufenthalte in Bahnhöfen, und es verkehrten wesentlich weniger Züge als heute. Auch die Bahnbediensteten hatten es nicht leicht, ihr Berufsalltag war hart – und während des Kriegs hat sich die Lage natürlich noch verschärft.
Schuften für die Bahn
Dampflokomotivführer und Heizer verrichteten ihre Tätigkeiten großteils im Stehen, auf ungefederten Laufwerken der Lokomotiven oder in Fahrerhäusern mit undichten Türen. Heizer mussten in einer Schicht ca. 5 Tonnen Kohle in die Feuerbüchse der Lokomotiven schaufeln, auf Bergstrecken waren es bis zu 11 Tonnen. Nebenbei waren sie auch dafür verantwortlich, dass die Schmierstellen gut geölt waren und genug Wasser getankt war. Für viele war die Arbeit bei der Bahn tatsächlich ein Knochenjob.
Blaue und graue Eisenbahner
Viele Eisenbahner wurden zur Deutschen Wehrmacht eingezogen; an unzähligen Fronten brauchte man Kämpfer. Für die Planung und Abwicklung des erhöhten Verkehrs brauchte man aber auch bei der Bahn mehr Personal, deshalb wurden viele Betriebsbedienstete und Verwaltungsbeamte „uk“ (unabkömmlich) gestellt. Die sogenannten „blauen Eisenbahner“ – hauptsächlich Fahrpersonal wie Lokführer, Heizer und Schaffner sowie Personal für Streckenerhaltungsarbeiten – wurden in Gebiete versetzt, die die Wehrmacht erobert hatte. Sie fanden sich dann, natürlich unfreiwillig, einerseits in Dienststellen in Frankreich und Belgien, andererseits – und vor allem – in Polen, der Ukraine und Russland wieder. Neben den „blauen“ waren auch „graue Eisenbahner“ im Einsatz, die den militärischen Nachschub-Verkehr in den Frontabschnitten abzuwickeln hatten. Man nannte sie auch „Feldeisenbahner“.
„Hilft Deine Reise siegen?“
Die noch 1938 und 1939 von der NS-Organisation „Kraft durch Freude“ beworbenen Urlaubsreisen waren kein Thema mehr – der Krieg hatte Priorität, man musste Truppen transportieren. Es kam immer wieder zu Verkehrseinschränkungen und Zugausfällen. 1943 wurden Reisen über 70 Kilometer Entfernung genehmigungspflichtig, auf Propagandaplakaten die Frage: „Hilft Deine Reise siegen?“ Auch der Güterverkehr wurde dem Krieg untergeordnet. Für den gestiegenen Warenverkehr gab es zu wenige Wagen, Ent- und erneutes Beladen mussten so schnell wie möglich erfolgen, „angefeuert“ durch Propagandaslogans wie „Auf jeden Wagen kommt es an“ und „Räder müssen rollen für den Sieg“.
„Hilft deine Reise siegen?“ – Die Deutsche Reichsbahn ruft Eisenbahner:innen zur Unterstützung bei der Aufklärung über das Bahnreisen in Kriegszeiten auf.