Nach dem Zerfall der Monarchie wollte Österreich vor allem eines: vom Kohleimport aus dem Ausland unabhängig werden. So entstand 1920 das sogenannte „Elektrifizierungsprogramm“ für die Eisenbahnstrecken; dafür wurde sogar ein eigenes Elektrifizierungsamt gegründet. Man baute Speicherkraftwerke, die Wasserkraft in elektrische Energie umwandelten – und die wurde dann für die elektrischen Oberleitungen verwendet, die den Betrieb von ebensolchen Lokomotiven ermöglichten. Kohlegefeuerte Dampflokomotiven sollten der Vergangenheit angehören, so der Plan. Elektrisch betriebene Eisenbahnen waren die glitzernde Zukunft: Sie befreiten das Land nicht nur aus der kohlebedingten wirtschaftlichen Abhängigkeit, sondern waren auch moderner sowie schneller und konnten größere Lasten transportieren als die kohlebetriebenen Vorgänger.
BBÖ 1029.02 mit Güterzug beim Bahnhof Bad Aussee
Hauptschaltwarte im Kraftwerk Spullersee, 1927Aller Anfang ist schwer.
Mit der Umsetzung ging es dann aber doch nicht so schnell voran. Als die Österreichischen Bundesbahnen 1923 gegründet wurden, wurden gerade mal 25 Kilometer im Inntal und 65 Kilometer der 1912 erbauten Mittenwaldbahn, die Innsbruck mit Garmisch-Partenkirchen in Bayern verband, elektrisch betrieben. Die Energie für diese Bergstrecken kam aus Wasserkraftwerken in Tirol und Vorarlberg. Schon an diesen kurzen Strecken zeigte sich das große Einsparungspotenzial – weil sie in den Bergen waren, wo Dampflokomotiven besonders viel Kohle verbrauchten.
Von 90 auf 883 Kilometer – in zehn Jahren.
In den folgenden Jahren kam etwas mehr Schwung in die Elektrifizierung: 1924 wurde der elektrische Inselbetrieb auf der Salzkammergutstrecke Attnang-Puchheim – Stainach-Irdning aufgenommen, 1925 folgte der durchgehende elektrische Betrieb über den Arlberg zwischen Bludenz und Innsbruck. Im selben Jahr wurden die Brenner- und untere Inntalstrecke elektrifiziert, nachdem die ÖBB sie von der privaten Südbahngesellschaft übernommen hatten. Mit ihrem politischen Einfluss gelang es den „Kohlebaronen“ zwar, die Modernisierung zu verzögern, aber zu stoppen war sie glücklicherweise nicht mehr.
Bis 1930 wurden die Strecken Brenner – Innsbruck – Kufstein sowie Wörgl – Salzburg in Betrieb genommen, 1933 konnte endlich auch die Elektrifizierung der Tauernbahn von Schwarzach St. Veit nach Spittal – Millstätter See fertiggestellt werden. So wurden aus den ursprünglich 90 Kilometern elektrisch betriebener Strecken innerhalb von zehn Jahren mithilfe neu errichteter Kraftwerke beachtliche 883 Kilometer, auf denen sich von nun an eine Vielzahl an in Österreich produzierten elektrischen Lokomotiven tummelten, die reiselustige Passagiere von A nach B brachten.
Wusstest du...?
Bis auf einige technische Anpassungen ist das Grundprinzip der Stromgewinnung aus Wasserkraft bis heute unverändert. Die einzelnen Komponenten sind heute selbstverständlich wesentlich leistungsstärker geworden und die Regelkreise werden stufenlos, elektronisch angesteuert.