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Abschluss der ÖBB Themenausstellung "Verdrängte Jahre" in Tel Aviv

Mit einer viel beachteten Rede von Andreas Matthä fand am 16. März 2017 an der Tel Aviv Universität der Abschluss der Ausstellung "Verdrängte Jahre. Bahn und Nationalsozialismus 1938 – 1945" statt.

„Hier“, so der ÖBB Chef, „ist der der richtige Ort. Denn, was in dieser Ausstellung erzählt wird, ist nicht nur österreichische, sondern europäische Geschichte. Der Holocaust gehört zur europäischen Identität, er ist in seiner eigenen, schrecklichen Dimension ein europäisches Ereignis. Aufarbeitung und Erinnerung sind damit nationale wie europäische, wissenschaftliche wie persönliche Aufgaben.“ Unter den ausgewählten Gästen der Finissage befanden sich Amnon Klein vom Central Committee of Austrian Jews in Israel genauso wie Fiene Eicher von der Deutschen Botschaft, Ariel Porat von Siemens Israel, Irene Pollak-Rein von der Jerusalem Foundation oder Barry Davies von der Jerusalem Post.

vrnl Roni Stauber, Andreas Matthä, Alica Tennenbaum, Zwi Nigal, Traude Kogoj, Jasmin Meiri-Brauer, Martin Weiss

Aus eigenem Antrieb

Im Gegensatz zu anderen Unternehmen fand die Auseinandersetzung mit der eigenen Firmengeschichte nicht aus juristischen Zwängen statt, vielmehr aus innerem Antrieb, um als ÖBB zu einem Verständnis der eigenen Geschichte zu gelangen, das es möglich macht, Lehren daraus zu ziehen und als Leitunternehmen zu einem verantwortungsvollen Handeln in Gegenwart und Zukunft zu kommen. Ein Umstand, der in den Eröffnungsreden von Gastgeber Roni Stauber (Direktor der berühmten Wiener-Bibliothek an der Tel Aviv Uni) und vom Botschafter Österreichs in Israel, Martin Weiss, besondere Beachtung gefunden hat und dem von den anwesenden Zeitzeuginnen und Zeitzeugen Beifall gezollt worden ist: „Weil die ÖBB ihre Rolle im Nationalsozialismus so offen zeigt und diskutiert, ist es uns möglich, unsere eigenen Erfahrungen, unsere eigene Geschichte zu erzählen.“ Zwi Nigal wurde 1923 als Hermann Heinz Engel in Wien geboren. Er konnte 1939 nach Israel flüchten, seine Mutter hatte er erst sieben Jahre später wieder gesehen, seinen Vater, er war ein Eisenbahner, nie wieder. Er wurde 1944 in Auschwitz ermordet.

Einbindung möglichst vieler Menschen

Es war den ÖBB von Beginn an wichtig, möglichst viele Menschen in die Aufarbeitung der Unternehmensgeschichte während des Nationalsozialismus einzubinden: ÖBB Kolleginnen und Kollegen, ÖBB Pensionistinnen und Pensionisten, allen voran die ÖBB Lehrlinge. So haben ÖBB Lehrlinge Gespräche mit ZeitzeugInnen geführt. Sowohl Prozess als auch die Zeitzeugengespräche sind Teil der ORF TV-Dokumentation Verdrängte Jahre. Die ÖBB auf Spurensuche in der NS-Zeit, erstmals ausgestrahlt im Herbst 2012 auf ORFIII.

In der Ausstellung war nicht nur die TV-Dokumentation zu sehen. Der Geschichte von Alica Tennenbaum war eine eigene Schautafel gewidmet: Von Dezember 1938 – August 1939 gab es die Möglichkeit, jüdische Kinder, nach England zu schicken und so ihr Überleben zu sichern. Über 40 Transporte waren es, alle fuhren vom Wiener Westbahnhof in Richtung London Liverpool Station. Darunter auch Alica Tennenbaum. Sie wurde in Wien geboren, als Neunjährige von ihrer Familie getrennt, heute lebt sie in Israel. Bei der Finissage sprach sie den Überlebenden Mut zu – „das ist es auch“, so Tennenbaum, „was die Ausstellung für viele so wertvoll macht. Es hilft uns, die Zuversicht trotzdem niemals zu verlieren.“

Dauerausstellung ÖBB Bildungszentrum St. Pölten / Wörth

Die wissenschaftliche Dokumentation, die TV-DOKU und die Themenausstellung waren wichtige Schritte in der Bearbeitung des dunkelsten Kapitels der Geschichte der Bahn: Von 1938 bis 1945 waren die Österreichischen Bundesbahnen ein Teil der Deutschen Reichsbahn und eine der wichtigsten Stützen des nationalsozialistischen Staates. Für das NS-Regime hatte die Bahn vor allem eine machtpolitische und strategische Bedeutung – für die gesamte Kriegswirtschaft im Aggressionskrieg und für die NS-Vernichtungsmaschinerie. Sie zog Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter für die Bahnarbeiten heran. Sie deportierte Millionen Menschen in Konzentrations- und schließlich in die NS-Vernichtungslager.

Viele Kolleginnen und Kolleginnen, tausende Geschichtsinteressierte aus der Bevölkerung, hohe RepräsentantInnen aus Politik und Wirtschaft haben in den vergangenen Jahren die ÖBB Themenausstellung besucht - ob bei der Ausstellungseröffnung in der ÖBB-Infrastruktur am Praterstern 2012, im Wissensturm Linz oder GrazMuseum 2013, im Landesmuseum Kärnten oder Europäischen Parlament in Brüssel 2014, im Stadtmuseum Wiener Neustadt 2017 oder eben jetzt an der Tel Aviv Universität in Israel. Die Öffnung des Diskurses zur Bevölkerung, die Integration der geschichtlichen Reflexionsarbeit in die ÖBB Lehrlingsausbildung, die breite Einbindung der ÖBB Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind Bausteine eines breiten Wissens- und Erinnerungsprozesses.

In Zusammenarbeit mit dem Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien konnten neue wissenschaftliche Erkenntnisse vertieft und weitere wichtige Schritte in der Aufarbeitung der Unternehmensgeschichte gesetzt werden – und die Themenausstellung kann weiterhin besucht werden: Seit Oktober 2016 ist diese Ausstellung im ÖBB Bildungszentrum St. Pölten / Wörth dauerhaft sowohl für ÖBB MitarbeiterInnen als auch für die Öffentlichkeit weiterhin zugänglich. Anmeldung unter  bildungszentrum.stpoelten@oebb.at