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ÖBB-Netzwerktreffen „Die Digitalisierung und der Faktor Mensch“

Wie man 600.000 Bücher archiviert, Unternehmen neu denkt, skeptische MitarbeiterInnen überzeugt und vor allem KundInnen und Werte im Auge behält.

Gruppenfoto zum ÖBB-Netzwerktreffen „Die Digitalisierung und der Faktor Mensch“

60 Kolleginnen kamen zum letzten ÖBB-Netzwerktreffen vor dem Sommer ins Open Innovation Lab in der Unternehmenszentrale. Diversity-Leiterin Traude Kogoj hatte zum Thema „Digitalisierung und Unternehmenswandel“ mit Johanna Rachinger, Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek, sowie den ÖBB Managerinnen Valerie Hackel, Vorständin ÖBB-Personenverkehr AG, Vanessa Langhammer, Abteilungsleiterin Prozessmanagement Rail Cargo Austria, und Kristin Hanusch-Linser, Leiterin des Open Innovation Lab, eingeladen. Durch die Veranstaltung führte die bekannte Journalistin Sandra Baierl, Leiterin des Ressorts Business/Karriere der Tageszeitung Kurier.

Die Nationalbibliothek archiviert zurzeit an die 12 Millionen Objekte, hat 19 Lesesäle, die täglich von rund 800 LeserInnen benutzt werden und vier Museen unter ihrem Dach. Digitalisierung ist für das Archiv, in dem jede Zeitung, jedes Magazin und jedes Buch, das in Österreich erscheint, für die Nachwelt aufgehoben wird, seit Jahren eines der wichtigsten Themen. „Ich sehe meinen Auftrag in der Demokratisierung des Wissens“, so Rachinger, „also möglichst vielen Menschen möglichst viel Wissen schnell und einfach zugänglich zu machen.“ Gegen manch kritische Stimme, auch aus der Politik, setzte sich Rachinger mit ihrer Idee durch, sich Google als Partner zu holen, und daraus wurde Österreichs größtes Public Private Partnership: Google scannt im Digitalisierungswerk in Deutschland rund 600.000 Bücher ein, die weltweit kostenlos über Google Books als auch über die Homepage der Nationalbibliothek abgerufen werden können.

Die rund 400 MitarbeiterInnen im eigenen Haus von der Digitalisierungsoffensive und den vielen Neuerungen zu überzeugen, sei nie das Problem gewesen, so Rachinger, eher gäbe es immer wieder Herausforderungen technischer Art, vieles müsse eigens für die Anforderungen einer so großen Bibliothek mit riesigem Archiv entwickelt werden. „Wir verlieren keine Arbeitsplätze, aber die Berufsbilder, zum Beispiel von Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, ändern sich. Und die Fluktuation im Haus ist höher als früher, weil vor allem junge Fachleute sich immer wieder neu orientieren, vieles ausprobieren wollen.“

Den eigenen Arbeitsbereich neu denken

Digitalisierung ist seit Jahren auch im ÖBB-Personenverkehr ein Thema. Vor einem Jahr gingen die neue App und die Website online, heuer folgten die Schalter und bald werden auch die Fahrkartenautomaten mit einer einheitlichen Bedienoberfläche den KundInnen den Ticketkauf erleichtern. „Bei uns ging es nicht darum, ob wir digitalisieren, das war klar, sondern darum, wie wir die Komplexität des Systems Bahn bewältigen. 40.000 Haltestellen, 1,6 Mrd. Verbindungen, mehrere Verbünde, unterschiedliche Ticketvarianten plus Vorteilscards – da muss man eine Buchung mit fünf Klicks erst einmal hinbekommen“, so PV-Vorständin Valerie Hackl. Auch im Personenverkehr sei die Digitalisierung alles andere als ein Jobkiller: „Wir suchen vermehrt Fachleute, die sich mit Daten auskennen.“

Auch bei Rail Cargo Austria lenkt eine Frau die Digitalisierungsoffensive. „Es ist deshalb eine Chance für Frauen, weil unser Denken dahin geht, eine Sache immer im Team, gemeinsam zu lösen. Und das ist wichtig, wenn man ein Unternehmen digital aufstellen will“, sagt Vanessa Langhammer. Im Projekt Cargo Vision ging man innovative Wege in Richtung Digitalisierung. In mehrteiligen Workshops mit MitarbeiterInnen aus ganz unterschiedlichen Bereichen wurde die Rail Cargo Austria „komplett neu gedacht“ und so soll das auch weiterhin funktionieren: „Jeder und jede soll aus seinem eigenen Bereich heraus Ideen entwickeln und im Unternehmen einbringen. Digitalisierung ist auch ein Kulturprojekt und das funktioniert nicht top-down.“

Sehnsucht nach realen Menschen?

Alle am Podium waren sich einig, dass MitarbeiterInnen (und Menschen generell) nicht vor der Digitalisierung an sich Angst hätten, sondern vor Veränderung und allem nicht Plan- oder Vorhersehbarem. „Ob wir digitalisieren sollen, müssen wir uns längst nicht mehr fragen, jetzt geht es vor allem um Geschwindigkeit“, so Kristin Hanusch-Linser, Hausherrin im Open Innovation Lab. In einem so großen Haus wie den ÖBB mit Genehmigungswegen und Ausschreibungspflicht sei das nicht ganz einfach und für das Management oft schwierig, Digitalisierungskosten in Millionenhöhe vor dem Aufsichtsrat zu argumentieren, aber: „Wir müssen gute Ideen rasch umsetzen. Was wir nicht für unsere Kunden entwickeln, entwickeln sonst andere.“

Bei aller „digitalen Versessenheit“ dürfe man die eigenen Werte nicht außer Acht, so Hanusch-Linser. „Digitalisierung macht ja auch etwas mit uns.“ So sieht das auch Johanna Rachinger: „Wir dürfen nie vergessen, dass wir immer mit Menschen arbeiten. Wenn wir ein Projekt erfolgreich abgeschlossen haben, dann feiern wir das auch.“ Obwohl immer mehr Menschen Bücher und Zeitschriften am Tablet oder am Computer lesen – die Zahl der BesucherInnen in der Nationalbibliothek steigen ständig an, auch viele Jüngere kommen immer öfter. „Es scheint, als gäbe es eine Sehnsucht nach realen Orten und dem Austausch mit realen Menschen“, so Rachinger.